Mittwoch, 14. April 2010

Reformeritis

Ist das nicht ein schönes Wort? Kein Wort trifft es besser,- immer wenn in der Berliner Schullandschaft die Luft brennt und zwar so richtig, dann schreiben die Lehrer und Schulleiter einen Brandbrief. Das letzte Mal war es das Thema Rütli-Schule und siehe da, es ist inzwischen eine Vorzeige-Schule mit Schülerfirmen und was weiß ich nicht noch alles. Nun ist es wieder soweit.
Über 1000 Lehrer haben einen Brandbrief geschrieben und kundgetan, die anstehende Vergleichsarbeit der dritten Klassen Jahrgangsübergreifendes Lernen zu boykottieren. Statt immer größere Klassen hätten sie gern mehr Schulhelferstunden, Förderunterricht und Schulmaterialien, die auf das JÜL abgestimmt sind. Warum fragt mich eigentlich keiner? Das hätte ich denen schon vor zwei Jahren sagen können. Die Vergleichsarbeit der dritten Klassen im letzten Jahr (da hat Aaron mitgeschrieben) hat ergeben, das Berlin bundesweit auf dem letzten Platz liegt. Gut daran erkennbar, das unsere Viertklässler gerade das KLEINE Einmaleins wiederholen (kein Witz!), noch immer nicht Substantive und Adjektive aus einanderhalten können und bisher auch noch immer kein Diktat in diesem Schuljahr geschrieben haben. Es regiert das Chaos. Unsere Kinder baden die Unfähigkeit und Inkompetenz aus.

Die Reformeritis haben wir ja mit erheblichem Anteil der SPD zu verdanken. Unser Party-Lila-Laune-Bär - auch Regierender Bürgermeister genannt - hat kundgetan, er würde - wenn er denn welche hätte, seine Kinder nicht in Kreuzberg einschulen und unser Lieblings-Senator a.D. Sarrazin erklärte, das selbst die Hauptschüler in Bayern ein höheres Niveau haben, als die Abiturienten in Berlin. Vermutlich hat er sogar recht. Und nächstes Jahr wird gewählt. Dreimal dürft ihr raten, was ich NICHT wähle.
Genau.

Indessen geht der Schülerschwund an unserer Schule unvermindert weiter. Auf dem Spielplatz hört man, das Familien umziehen, um einer anderen Schule zugewiesen zu werden. Aus Aarons Einschulungsjahrgang 2006 mit einst 40 Kindern sind am Ende dieses Jahres nur noch sechs übrig. Das heißt, über 30 Kinder haben unsere Schule verlassen. Und nicht durch normale Fluktuation. Wann merken die da "oben" eigentlich was? Was müssen wir tun, für erträgliche Lernverhältnisse an Berliner Schulen? Und damit meine ich nicht einmal, nicht mehr in den Baumärkten der Umgebung nach Farben betteln zu müssen, damit wir die Klassenräume auf eigene Kosten renovieren können. Das und den Putzdienst für die Toiletten nehmen wir ja inzwischen stoisch in Kauf.

Aber mein demotiviertes, weinendes Kind das kann ich nicht ignorieren. Sein Kummer macht mich krank. Ich schlafe schlecht, ich leide körperlich daran, das ich so ohnmächtig bin, und ihm (und damit auch mir) nicht helfen kann.

Man sollte unsere Regierenden mal eine Weile nötigen, auf versiffte Schultoiletten zu gehen, und in ihren Büros Arbeitsbedingungen schaffen, wie in unseren Schulen. Mit fehlenden Computern, kaputten Kopierern, einer Akkustik wie auf dem Bahnhof und schlecht gelaunten Mitarbeitern. Reparaturen? Nein, erst nächste Legislaturperiode, tut uns ja leid. Wie, so können sie nicht arbeiten? mmmmh.

Es gibt so Tage............ wenn ich nicht so nett wäre, dann.... echt ma.

Kommentare:

  1. Ja das ist so ein Problem mit der Schule und gar nicht neu!! Vor 23 Jahren gingen unsere Kinder in eine superneue mit allem damaligen Komfort ausgestattete moderne und saubere Schule. Da war allerdings das Problem, dass die erste Klasse 6-zügig war, die 2. und 3. Klasse je 5-zügig und größere Kinder gab es an der Schule nicht. Dafür eine Parallel-Schule gleicher Art. Die hunderte kleine Kinder teilten sich einen Mini-Betonschulhof ohne Baum und Strauch und die Lehrer waren genauso überfordert wie die Schüler. Wir glauben sie wurden in diese Schulen "strafversetzt", freiwillig wollte dort keine unterrichten. In unserer Verzweiflung sind wir nach einem Jahr (trotz Wohnungsnot)in einen anderen Stadtbezirk gezogen, um unsere Kinder aus diesem Stress herauszuholen. Das war die beste Entscheidung unseres Lebens.
    Es muss auch für Euch einen Weg geben! Wir fühlen mit Euch!!

    AntwortenLöschen
  2. *drückdich* Mich macht die Bildungspolitik dieses Landes echt sprachlos!

    AntwortenLöschen
  3. Ich hab gerade etwas im Spiegel-Online entdeckt:
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,689146,00.html
    Vielleicht jetzt nicht ganz passend zum Thema.. aber wie möchte ein Lehrer der die Aufgaben die er seinen Schülern stellt, systematisch durchgehen, wenn er es selber nicht kann!?

    AntwortenLöschen
  4. Dein Post spricht mir aus dem Herzen. In Nordrhein-Westfalen ist es genau der gleiche Mist - immer müssen die Kinder, damit auch wir Eltern den Mist ausbaden, den sich irgendwelche profilierungssüchtige Personen am grünen Tisch überlegen: hmmm, was könnten wir denn heute mal anstellen?? Konsequenzen ? interessiert mich doch nicht, wer weiß ob ich die nächste Legislaturperiode noch im Amt bin? Am Schlimmsten für mich ist aber dann das Gejammer, das wir Eltern uns nicht genügend um unsere Erziehungspflichten kümmern würden...Ich habe vier motivierte, liebe Kinder in die Schule gegeben und jetzt??? Ich schlage drei riesengroße Kreuze, wenn ich das Thema Schule, Lehrer endlich abhaken kann. Bei uns tauschen die Schulen unfähige Lehrer wenn der Elterndruck zu groß wird - kaum zu glauben: wir haben da die unfähige, unbeliebte, inkompetente Englischlehrerin und sind bereit sie gegen eine dauerkranke, noch unfähigere, extrem launische, beleidigende Lateinlehrerin einzutauschen..damit ist das Problem zumindest erst einmal vertagt. Ich schüttel immer wieder den Kopf und würde am liebsten auswandern.

    AntwortenLöschen

Danke, dass Du vorbeigeschaut hast!