Mittwoch, 18. Februar 2009

Erzählwettbewerb Tagesspiegel - mein Beitrag

Versprochen ist versprochen.
Maximale Zeichenzahl: 8000 - Thema: Zeitung

"Ohne Titel"

Sein Bild war in der Zeitung.
Nominiert für einen wichtigen Fernsehpreis. Er hatte es also geschafft. Bester Schauspieler.
Natürlich hatte ich seinen Werdegang in den vergangenen Jahren in der Zeitung verfolgt. Ein bisschen Stolz, einmal mit ihm gemeinsam auf der Bühne gestanden zu haben, war natürlich auch dabei.
Er würde in der Stadt sein und bekam den Preis, keine Frage. Auf den ersten Blick hatte er sich kaum verändert,- immer noch diese jungenhaften spitzbübischen Augen. Aber beim zweiten Blick sah ich sofort, dass seine Grübchen verschwunden waren. Er lachte zu selten.

Als wir vor fünfundzwanzig Jahren gemeinsam in der Schule Theater spielten, brachte er uns ständig zum Lachen oder zum Weinen, zum Still sein. Er schaffte es, eine Aula – gefüllt mit gelangweilten 15- jährigen Teenagern die sich ein Anti-Kriegs-Stück anschauen mussten, zum Schweigen zu bringen.
Die Küchenuhr von Wolfgang Borchert. Eine Paraderolle für ihn.
300 Augenpaare und dann diese Stille.
Perfekt.

Er war zwei Klassen über mir,- wir hätten uns niemals wahrgenommen, ohne diese Liebe zum Theater. Natürlich gab es einen Lehrer, der den Kurs Darstellendes Spiel offiziell führte, aber unser Lehrer war er. Er führte das Wort, hatte das Sagen bei der Besetzung, und ein neues Stück aussuchen, das überließen wir natürlich auch ihm. Er lebte das Theater und mit ihm wuchs in jeder Probe ein jeder über sich hinaus. Wir hatten nie ein persönliches Wort außerhalb der Theater AG gewechselt, er schaffte es trotzdem mir das Gefühl zu geben, das er mich kannte.
Natürlich schwärmten alle Mädchen der unteren Jahrgänge für ihn, er war so etwas wie „George Clooney für Arme“, aber niemanden störte das, ihn am wenigsten. Die Schwärmerei nahm er gelassen hin, ohne arrogant zu wirken, was ihn noch liebenswerter machte.

Ich will nur Theater spielen, sagte er einmal, alles andere ist mir egal. Und wenn ich noch Geld damit verdiene, soll es mir auch recht sein. Dann vertiefte er sich wieder in seine Zeitung. Keiner von uns las freiwillig Zeitung, interessierte sich für Politik oder was in der Welt geschah. Ein paar Mal gab er mir seinen ausgelesenen Tagesspiegel, als wir zusammen mit dem Bus nach Hause fuhren, nach der Probe. Ob er es wohl gemerkt hat, das ich nach den Proben trödelte, um mit ihm gemeinsam Bus fahren zu können?

Wegen ihm begann ich mit dem Zeitung lesen, ein Ritual was mich letztlich noch immer in den Tag begleitet.

Noch mehr Erinnerungen.
Er büffelte Englisch wie verrückt, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt nach New York zu gehen, und im Actors Studio von Strasberg alles über Theater zu lernen. Keiner von uns zweifelte daran,- wenn jemand es schaffte, dann er.
Mit seinem Ehrgeiz steckte er uns alle an. Seine Begeisterung, sein Enthusiasmus trug die ganze zusammen gewürfelte Schultheatergruppe durch das letzte Schuljahr. Irgendwann hatte er es sich in den Kopf gesetzt in Ost-Berlin im Maxim Gorki Theater die Tschechow Stücke zu sehen,- „Die Möwe“ die „Drei Schwestern“ „Der Kirschgarten“. Das war 1985 und Besuche in Ost-Berlin mit der Schule ein Spektakel. Aber er hat es geschafft, Lehrer überredet, Eltern-Vollmachten eingesammelt, die Karten besorgt. Und uns damit eines der eindrücklichsten Theatererlebnisse verschafft.

Sein Bild in der Zeitung.
Er hatte sich keine Schwäche erlaubt, schon damals nicht. Und uns natürlich auch nicht, Texthänger waren ein Faux-pax , den sich niemand der mit ihm spielte, ein zweites Mal erlaubte.
Und doch – einmal erlebte ich es, dass er unkonzentriert war, nicht ganz bei der Sache. Und ich ihm eine Textbrücke baute. Das war der Tag, als seine Oma gestorben war. Danke Zaubermaus, sagte er hinterher. Und dann lächelte er sein Grübchen-Lachen und die Welt war wieder etwas freundlicher.

Zaubermaus nannte er mich nur manchmal. Weil ich ihn an die Maus von seiner kleinen Schwester erinnern würde. Es gab schlimmere Spitznamen und ich freute mich einfach nur darüber.

Sein Abitur machte er mit links. Feierte ein Sommerfest im Garten, kletterte er auf das Dach und rief irgendetwas Leonardo di Caprio mässiges in den Berliner Himmel. Er war für alle Verrücktheiten gut.

Nachdem er die Schule verlassen hatte, war die Theatergruppe nicht mehr dieselbe. Wir irrten führungslos durch die Proben und keiner inspirierte uns.

Er bewarb sich an den Schauspielschulen. Wurde zuerst abgelehnt.
Er gab nicht auf.
Als er einen Montagabend zur Probe kam, freuten sich alle wie verrückt.
Wenn Du was vorspielen musst, sagte ich, nimm die Küchenuhr.
Er lachte mich an. Du hast Recht Zaubermaus, das ist es.

Und jetzt stehe ich fünfundzwanzig Jahre später frierend am Potsdamer Platz, für ein Foto und ein erneutes Lächeln von ihm.
Ich habe das Bild aus dem Tagesspiegel für das Autogramm genommen. Darunter habe ich ein altes Programmheft unserer Theater-AG kopiert.

Hallo Zaubermaus, schön Dich zu sehen. Alles ist wie früher. Seine Grübchen sind da wo sie hingehören.

Er gibt mir einen Kuss auf die Wange, Blitzlichtgewitter.
Am nächsten Tag war ich mit ihm in der Zeitung zu sehen. Das Bild habe ich ausgeschnitten.

Ich gucke mir jetzt immer wieder das Autogramm an. Da steht auch eine Telefonnummer dabei. Mir scheint, ich soll ihn anrufen.
Vielleicht tue ich das ja.
Wenn er wieder einmal in der Stadt ist.
Das steht ja dann bestimmt in der Zeitung.


Erzählwettbewerb Tagesspiegel, März 2009
Öhm, zur Erklärung, die hier beschriebene Person ist inspiriert von zahlreichen Menschen, die mir im Laufe meiner Theaterzeit begegnet sind, jedoch nicht auf eine einzelne Person bezogen.

Kommentare:

  1. wunderschön geschrieben!
    eine tolle Geschichte!

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  2. Fiktiv? Schade. Hab mir bis zum Nachsatz ausgemalt, was für eine schöne wahre Geschichte es wär. ;-)

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Danke, dass Du vorbeigeschaut hast!