Dienstag, 16. September 2008

Das also war Berlin!

„Diese Autos! Sie drängten sich hastig an der Straßenbahn vorbei, hupten, quiekten, streckten rote Zeiger links und rechts heraus, bogen um die Ecke; andere Autos schoben sich nach. So ein Krach! Und die vielen Menschen auf den Fußsteigen! Und von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse! Zeitungsverkäufer an allen Ecken. Wunderbare Schaufenster mit Blumen, Früchten, Büchern, goldenen Uhren, Kleidern und seidener Wäsche. Und hohe, hohe Häuser. Das also war Berlin!“
(Erich Kästner)


Meine Zeitreise würde mich ins Berlin der zwanziger Jahre führen. Seitdem meine Großmutter mir als Teenager von dieser Zeit in Berlin vorgeschwärmt hat, habe ich ein Faible für diese Zeit. Später kam dann dazu, das auch viele Schriftsteller und Künstler aus dieser Epoche mich mit ihren Arbeiten begeistert haben. Erich Kästner natürlich, Tucholsky, Alfred Döblin oder die Gedichte von Mascha Kaleko. Sie alle waren Gäste im „Romanischen Cafe“.

Dorthin würde meine Reise gehen. Dem Stimmengewirr lauschen, ihren literarischen Diskussionen zuhören, die Zeitungsjungen vor dem Fenster die den ganzen Tag ihre Zeitung anpreisen, das ständige Gebimmel der Straßenbahnen die über den Kudamm fahren und die mächtige, wunderschöne unzerstörte Gedächtniskirche wirft einen langen Schatten.
Abends würde ich eines der zahllosen Theater besuchen, die „Dreigroschenoper“ sehen, dirigiert von Kurt Weill und mit Helene Weigel. Und später dann in die Berliner Scala, die große Chanson-Sängerin Claire Waldorff hören und leise ihre Gassenhauer mitsingen, „nach meene Beene is ja janz Berlin varückt“

Die Lichter der Großstadt, die pulsierende Metropole in mir aufnehmen und auf jeden Fall würde ich einen Spaziergang zum Potsdamer Platz machen, - den verkehrsreichsten Platz Europas mit der ersten Ampel Europas. Ich würde nur dort stehen und staunen und die vorbeihastenden Menschen würden denken: „So ein Landei, steht und staunt über die große Stadt!“ nichts ahnend von dem, was ich weiß und das der Zauber dieser Stadt dem Verfall preisgegeben ist und in nur wenigen Jahren nur noch der Mythos Berlin übrig bleibt.

Ich würde das Haus meiner Großeltern besuchen, in Schöneberg und staunend vor dem Klingelschild mit dem Namen meiner Familie stehen. Vielleicht begegne ich meiner Urgroßmutter, die sich verwundert fragen wird, was das junge Ding vor ihrer Türe will, vielleicht würde ich sehen, wie meine Großeltern Hand in Hand durch die Bülowstraße schlendernd, auf das Haus zugehen.

Das alles würde ich tun und jede Sekunde würde ich Berlin spüren und etwas von dieser Metropole, dieser vier Millionen Weltstadt, die niemals schläft, mitnehmen. Manchmal, in guten Momenten, kann man diesen Zauber erahnen, den diese Stadt einst hatte. Lange bevor das Unheil die wahren Künstler und Philosophen, Wissenschaftler, Schauspieler, Maler und Tänzer aus unserem Land vertrieben hat.

Ich würde wehmütig und traurig in meine Gegenwart zurückkehren, mit diesem Gefühl von Verlust im Herzen und doch froh, dass mir die Schmerzen, Ängste und Wirren der dreißiger Jahre erspart bleiben. Doch die goldenen zwanziger Jahre werden für mich immer einen ganz persönlichen Mythos besitzen, - durch die Musik, die Literatur und das Theater dieser Zeit die mich geprägt haben und immer wieder begeistern.









Das ist mein Beitrag zum Circle Journal im Forum von Paperbraut. Mein Thema ist Zeitreise.
Danke fürs Vorbeischauen!

Kommentare:

  1. Jetzt hat mir doch der rotznäsige Zeitungsjunge seinen Ellenbogen in die Seite gerammt beim Vorbeieilen, und ob meiner Verwirrung darüber wär ich beinahe vor die Straßenbahn gelaufen ... ;-) Is det knorke jeworden!

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  2. Das erste Layout ist ja klasse, so voll und doch nicht überfüllt.

    Soso in den 20igern ist Berlin also o.k. aber für Dich als Jugendliche war es untragbar ;)

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  3. Grandios !!!!
    Ich sitze hier mal wieder und staune.

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  4. Das ist ja klasse, Maren. Prima Journalling, und eine ganz tolle Idee fuer das CJ Thema!!

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  5. Uiuiui, Maren dein Album ist ne Wucht und ich bin unendlich gespannt es im CJ Kreis auch mal im Oroginal zu sehen. Deine Bilder vom Fototermin sind wirklich ein Traum.

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Danke, dass Du vorbeigeschaut hast!