Montag, 21. Januar 2008

Scherben lügen nicht *Kurzgeschichte*

So, wie versprochen, hier die Geschichte.

Die Schreibaufgabe war: Kurzgeschichte, 7000 Zeichen, Thema: Glas

Scherben lügen nicht
Dieses allererste Zerbersten von Glas ließ das Herz von Louisa höher schlagen. Tief befriedigt sah sie auf den kaputten Schrank und die abertausenden Scherben der ach so wertvollen Glas-Miniaturen aus aller Welt, die bis eben noch in der abgeschlossenen blitzblank geputzten Vitrine standen. Das tat sooo gut. Was hätte Oma jetzt dazu gesagt: Eine zerbrochene Fensterscheibe macht mehr Lärm als ein zerbrochenes Herz. Manchmal kann auch ein zerbrochenes Herz Lärm machen, dachte Louisa vergnügt. Aber so zerbrochen fühlte sich ihr Herz im Moment gar nicht. Im Grunde genommen hatte sie ihn ja gewarnt.
Ganz am Anfang, als sie die Regeln aufstellten, die Grenzen ausloteten.
„Benutze niemals ohne meine Erlaubnis meinen Laptop“, hatte er gesagt „und – ich hasse Fingerspuren auf Glas. Bitte putze sie weg.“
„Betrüge mich nicht“, hatte sie geantwortet.
„Oh, da habe ich aber Angst“, er hatte gelacht, „schreibst Du dann eine böse, böse Geschichte über mich?!“
„Unterschätze mich nicht. Ich bin nicht das Mäuschen, für das Du mich hälst.“
„Oh, das Mäuschen hat Krallen“
Er hatte sie nicht ernst genommen, ihre Ideen, ihre Ideale belächelt. Das war zu ihrem Problem geworden. Geliebt hatte sie ihn lange Zeit trotzdem. Seine Augen, dunkelbraun mit kleinen bernsteinfarbenen Pünktchen darin. Seine Begeisterungsfähigkeit für Kunst und Kultur. Sein Talent, ihre Seele zum Schwingen zu bringen. Seine Zärtlichkeit.
Louisa hob den Vorschlaghammer auf und ließ ihn, weil‘s so schön war, noch einmal fallen. Stefan war auf einer Tagung, - sie war völlig ungestört. Der Krach war ohrenbetäubend. Der Parkettfußboden wies inzwischen auch eine beachtliche Delle auf. Es knirschte, als sie auf die Scherben trat und sich aufmachte, ins nächste Zimmer. Hier standen zwei Glasschränke. Den Hammer hatte sie heute noch gekauft, mit seinem Geld. Vielleicht würde sie ihn später zu den gemeinsamen Tagebüchern, der ersten Rose, den Liebesbriefen legen, - Ihre Devotionalien, wie Stefan immer spöttelte. Ach nein, vielleicht war das doch etwas zu makaber.
Ihren Humor hatte er sowieso nicht verstanden, er nannte ihn „ziemlich englisch“. Dann hob er eine Augenbraue und sah sie an, - das war ja jetzt vorbei.
Sie ging ins große Zimmer zurück. Die Fensterscheiben?!?! Es war November. „Louisa, wir wollen es nicht übertreiben,“ sagte sie laut und fühlte sich sehr großmütig.
Jetzt das Schlafzimmer. Oh, wie sie dieses Zimmer hasste. Ort des Schreckens. Und Stefans Lieblingszimmer.
Da - der Glasschreibtisch. Allein der Anblick der Küchenrolle und der Sidolin-Sprühflasche ließ ihren Magen explodieren. Sie stellte den Bildschirm auf den Fußboden. Dann holte sie zum Schlag aus. Das Glas knirschte, platzte und sprang – kreuz und quer, aber der Tisch zerbrach nicht. Louisa wiederholte den Schlag ein paar mal und endlich, der edle Designer-Tisch fiel in sich zusammen. Allerdings war das Geräusch etwas enttäuschend.
Nun war sie richtig in Fahrt gekommen. Sie hatte große Lust noch ein bisschen weiter zu machen. Sie nahm den Diamant-Ring ab und ratschte genüsslich über die Spiegel. Der Lippenstift tat ein Übriges – ein „DU SCHWEIN“ durfte es schon sein, entschied sie. Der von Stefan entworfene Facettenschliff; das Muster fand sich in den Gardinen und im Lampenschirm wieder, alles war designed by Stefan. Ja, am Anfang hatte ihr das mächtig imponiert, ein Mann mit Stil und Geschmack, ein Mann mit Manieren, gut aussehend, erfolgreich, wohlhabend, die Dachgeschoßwohnung hoch über Berlins neuer Mitte, eine Glasfront so groß wie ein Fußballfeld, der Fensterputzer kam drei mal im Monat und brauchte den ganzen Tag. Sie sah ihn öfter als ihren Mann.
Als sie überlegten, wer denn Trauzeuge werden sollte und sie sich nicht einigen konnten, weil er ihre Freunde nicht mochte und sie nicht seine, hatte sie noch vorgeschlagen, doch einfach den Fensterputzer zu nehmen. Doch er hatte nicht gelacht, sondern war beleidigt gewesen.
Glas und Stahl und Spiegel überall, die Grünpflanzen kunstvoll in Szene gesetzt und nichts blieb den Zufall überlassen. So war Stefan, so war seine Wohnung, sein Leben. Sie hatte es zu spät begriffen, dass sie dort nicht hinein passte. Das sie sich nicht auf einen Sockel stellen lassen wollte, gut ausgeleuchtet, „Darf ich vorstellen: Meine Frau, sie schreibt!“ – ja, bestimmt das passende Frauchen für einen erfolgreichen Geschäftsmann, brotlose Kunst, naja, er verdient ja gut, - Louisa hörte förmlich das Flüstern hinter vorgehaltener Hand. Sie führt ihm den Haushalt, erzieht die Kinder, putzt die Vitrinen, nö, mein Lieber.
Sie holte die Schere aus der Schublade und zerschnitt die 200 Euro Krawatten, danach trennte sie die Armani-Hemden in gleichgroße Stoffteile. Das würde ihm gefallen, dachte Louisa, alles gleich groß. Die Bilderrahmen ließ sie ausnahmsweise ganz, sie bekamen nur einen neuen Anstrich, sie konnte die Bilder sowieso nicht leiden, alles nach dem Motto: Schneehase in Winterlandschaft. Jetzt war wenigstens was zu sehen, sie hätte Malerin werden sollen.
„Ölmalerei,“ kicherte Louisa. Dieses Schulmädchenkichern konnte sie nicht unterdrücken, - es hatte ein bisschen etwas von einem Klingelstreich.

Sie öffnete die Verbindungstür zum Bad. Die Duschtrennwand aus Vollglas! Wer putzt schon nach jedem Duschen die Scheiben trocken? Louisa erinnerte sich noch genau an die erste Nacht und wie sie fasziniert zugesehen hatte, wie er nach der gemeinsamen Dusche anfing, die Scheiben zu polieren. Nach einigen Monaten war sie irritiert, dass es ihm wichtiger war als das gemeinsame Frühstück. Dann nervte es. Zum Schluss hatte sie es gehasst.
Nach 10 Minuten lag das Bad in Trümmern. Schade, dass ich sein Gesicht nicht sehen kann, dachte sie, schade, schade.
Die Küche. Noch mehr Glas. Gefüllt mit dem edlen Rosenthal-Porzellan. Garantiert inzwischen ohne Nachkauf-Garantie. Kostbarstes, Allerheiligstes – ein Wunder, dass es nicht auf einem Altar stand. Auch das hatte Stefan nicht verstanden, als sie ihm vorschlug, doch nur noch Mahlzeiten zu kochen, die farblich mit dem Porzellan harmonierten.
„Was bist du so zickig?“ hatte er gefragt, „PMS, oder was?“
Sie öffnete den Schrank und ließ jedes einzelne Teil auf dem Marmara-Fußboden zerschellen. Süßer Klang! Louisa setzte Kaffee auf und malte ein Schildchen Kaffee ist fertig!, drapierte es kunstvoll um die letzte Tasse. Da soll einer sagen, sie hätte keinen Humor bewiesen.
Jetzt knirschte es unter ihren Füssen bei jedem Schritt. JA! Das entschädigte sie für jeden Betrug, jede vergessene Verabredung, jeden verschlafenen Geburtstag. Das war ihr Lohn.
Vielleicht war das ja ein harmloser Kuss zwischen ihm und dieser Frau. Vielleicht war es ja ein medizinischer Notfall, als sie ausgezogen auf seinem Bett lag, er über sie gebeugt, so wie er es versucht hatte, zu erklären. Aber sie hatte ihn schließlich gewarnt.
Und sie war wirklich niemals an seinem Laptop gewesen.

Maren Thunert, 2002-2008
Die Geschichte hatte ich vor etlichen Jahren angefangen aber nicht fertig geschrieben. Da ich dieses Jahr wieder mehr schreiben will, war es ein guter Einstieg. Ich hoffe, Ihr hattet ein bissel Spaß beim Lesen!

Kommentare:

  1. Ich kann nur sagen RESPEKT! einfach klasse :-) wem ging es nicht auch schon mal so ;-)

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  2. wow ist die genial ... ich bin völlig begeistert !!! Supertoll geschrieben !!!

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  3. Wahnsinn! Du schreibst wunderbar! Hoffenlich kommt bald dein erstes Buch auf den Markt, oder gibt es das schon zu kaufen?! Ich bin begeistert und will MEHR!

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  4. Ich mag auch mehr. Das liest sich so toll!!

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  5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  6. Die Geschichte ist der absolute Hammer. Ich glaube, ich würde genauso reagieren, wie deine Akteurin. Ich will mehr!

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  7. Wow, Maren, das ist ja ganz großes Kino! Ich liebe es! Ich habe sogar richtig gelacht bei: "Sie holte die Schere aus der Schublade und zerschnitt die 200 Euro Krawatten, danach trennte sie die Armani-Hemden in gleichgroße Stoffteile. Das würde ihm gefallen, dachte Louisa, alles gleich groß."
    Ich will auch mehr!!! :)

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  8. WOW! Super Kurzgeschichte, Maren! Schliesse mich ganz Strahli an ... WILL MEHR!!!

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  9. Klasse! Du hast einen wunderbaren Stil!

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Danke, dass Du vorbeigeschaut hast!